Die Mühlenflügel drehen sich im Wind
Georgsdorfer Wahrzeichen wurde restauriert
Ohne Mühlen kein Brot! Die Flügel der Georgsdorfer Windmühle drehen sich nach der Restaurierung des alten Bauwerks wieder im Wind. Im Zuge der Dorferneuerung wurde das Wahrzeichen der Moorgemeinde 1985/86 zum ersten Mal restauriert. Etwa 350000 Mark hat die Instandsetzung gekostet. Vor allem bei den Älteren werden beim Blick auf die Mühle viele Erinnerungen wach. Die junge Generation hat es sich zur Aufgabe gemacht, mit dem »Georgsdorfer Mühlenverein« ein Stück heimatlichen Brauchtums in unsere schnellebige Zeit hinüberzuretten und zu pflegen. Die Mühlengeschichte wurde 1987 im »Mühlenbuch der Grafschaft Bentheim« festgehalten. Der Vorsitzende des Heimatvereins, Dr. Heinrich Voort, hat die wichtigen Stationen dieser Geschichte anhand alter Urkunden und Aufzeichnungen zusammengestellt. Sie dürfen in dieser Ortschronik nicht fehlen.
1. Frühe Mühlenbaupläne Von der Absicht, im späteren Georgsdorf eine Mühle anzulegen, wird erstmalig aus dem Jahr 1858 berichtet, als die »Colonisten G. Köhler, G. Röttgers und E. Röttgers zu Neupiccardie« ein schriftliches Gesuch beim Königlichen Amt Neuenhaus um eine Konzession für eine Kornwindmühle einreichten. Sie sollte »in der Mitte zwischen Alt und N(eu) Piccardie bei Jan Hindrik Kronemeyer« stehen. Als Baukosten hatten sie »nach eingezogenen Erkundigungen« 4000 bis 5000 Gulden angesetzt, wobei die Mühle nur einen Mahlgang für Korn und einen »Pellgang für Grütze« erhalten sollte. Nicht zuletzt aufgrund des Einspruches, den die fürstliche Domänenkammer dagegen erhob, kamen die Behörden zu der Einsicht, daß für eine weitere Mühle kein Bedarf bestand - ringsum gab es Mühlen; in Wietmarschen, Veldhausen, Adorf, Hoogstede, ja einige Einwohner gingen gar nach Dalum - wenn auch unbestritten war, daß die Wegeverbindungen zu diesen Mühlen sehr zu wünschen übrig ließen. Ausschlaggebend für die Beurteilung des Vorhabens war aber offensichtlich das als nur gering veranschlagte, zu erwartende Volumen des Mahlguts. Baute man allein auf das Getreideaufkommen aus Neu- Piccardie, so ergab dies im Schnitt pro Jahr knapp 6300 Himten ( ein Himten faßte um die 20 kg ) an Getreide, davon rund 60 Prozent Roggen und 32 Prozent Buchweizen, während der Rest aus »Futtersaat« bestand. Bei einem höchstzulässigen Mahlzins von 1/24 ergab dies zu gängigen Preisen gerechnet. Gesamteinkünfte der Mühle von 192 Reichstalern oder 480 Gulden im Jahr, die angeblich nicht einmal ausreichten, den Kapitaleinsatz zu verzinsen. So wurde das Gesuch abgelehnt. Trotz einer Eingabe der Gemeinde Georgsdorf beim König von Hannover, dessen Namen sie trug, lehnte das mit der Prüfung betraute Innenministerium den Antrag definitiv ab. So existierte gewissermaßen ein Präzedenzfall, auf den die Gegner neuer Mühlen sich berufen konnten, als 1864 der Müller Johannes Heilmann aus Wietmarschen in unmittelbarer Nachbarschaft, in Alte Piccardie, eine Mühle zu bauen wünschte. Obwohl Heilmann die von ihm geplante Anlage anders als üblich konzipiert hatte, indem er sie zugleich als Wasserschöpfmühle nutzen wollte, um mit ihr das umliegende Moor zu entwässern, sperrten sich die Eigentümer der schon existierenden Mühlen gegen seinen Plan. Gleichwohl waren die Behörden geneigt, ihm eine Konzession zu erteilen. Sie ließen sich zunächst erläutern, wo die Mühle stehen sollte. Heilmann und sein Halbbruder Josef Fikkers, die gemeinsam den Plan verfolgten, führten dazu aus, daß sie »an der Lee von der Brücke über diesen Fluß auf dem Gemeindewege von Veldhausen nach Alte- Piccardie etwa 100 Schritt entfernt diesseits Alte- Piccardie und rechts von bezeichnetem Wege von hier dahin erbauet werden sollte«. Die Einwohner von Alte Piccardie unterstützten das Vorhaben, die von Georgsdorf zeigten sich jedoch nicht interessiert daran, da sie eigene Pläne verfolgten. Nach öffentlicher Ladung, Anhörung und Würdigung der Argumente erteilte die Landdrostei am 9. Dezember 1865 die Baugenehmigung; Einspruch der Domänenkammer beim Innenministerium als nächsthöherer Instanz verhinderte die Ausführung. Obwohl auch hier schließlich alle Argumente gegen den Bau verworfen wurden, wurde das Projekt aus Gründen, die der Antragsteller zu vertreten hatte, nicht verwirklicht.
2. Die ältere Windmühle Inzwischen war ein anderer Interessent aufgetreten, der in dem mühlenfreien Raum im Moor nicht nur die Notwendigkeit, sondern auch die wirtschaftliche Tragbarkeit einer eigenen Mühle sah. Vor dem Amt Neuenhaus gab am 1. März 1866 der Vorsteher und Colonist Jan Jacobs aus Georgsdorf zu Protokoll, daß er in der Nähe der neu zu erbauenden Kirche eine Kornwindmühle anzulegen beabsichtigte und dazu um die erforderliche Konzession nachsuchte. »Daß ein Bedürfniß zur Errichtung einer eigenen Mühle für die abgelegene Moorcolonie Georgsdorf vorliegt, wird vom Königl. Amte nicht bezweifelt werden«, meinte er. Das Amt befürwortete den Antrag, als es ihn an die Landdrostei zur Entscheidung weiter reichte, hielt auch den vorgesehenen Platz »in der Mitte der Bauerernschft« nach einem Ortstermin für sehr geeignet. Einschränkend bemerkte der Amtsvorsteher zwar, »ob die Mühle neben der zu Alte Piccardie anzulegenden Mühle ihr Bestehen wird finden können, ist indes sehr zu bezweifeln, doch würde das lediglich eine Sache des Unternehmers sein«. Zur Wahl standen zwei Standorte, einmal ein Platz nur 125 Schritte südlich der Kirche, der dem Colonisten Oldekamp gehörte, dann eine diesem genau gegenüber östlich der Straße gelegene Stelle im Eigentum des Colons Vügten. Darauf bezog sich auch die in Übereinstimmung mit den Vorschriften der Gewerbeordnung veröffentlichte Anzeige, die als Bekanntmachung in den Osnabrückischen Anzeigen vom 3. Dezember 1866 erschien, und in der es heißt: »Der Colonist Jacobs in Georgsdorf beabsichtigt, in der Nähe der neu erbaueten Kirche daselbst an dem Damme nach Alte- Piccardie eine Kornwindmühle mit zwei Mahlgängen anzulegen«. Widerspruch gegen diesen Plan legten ein die fürstliche Domänenkammer und die Mühlenbesitzer Gebrüder Lagemann in Wietmarschen. Die Landdrostei wies die Einsprüche zurück, worauf die Domänenkammer bei der nächst höheren Verwaltungsinstanz Beschwerde einlegte. Auch sie wurde vom Department des Innern in Hannover in einem Bescheid vom 5. April 1867 abgewiesen mit der Begründung, »die Colonie Georgsdorf, welche 450 fast durchgängig zu den s.g. kleinen Leuten zu rechnende Einwohner zählt, ist über eine Meile von der nächsten Mühle entfernt«. Damit stand der Errichtung einer Mühle nichts mehr im Wege, der Baubeginn zog sich gleichwohl hin. Erst am 18. Februar 1868 erschienen der Georgsdorfer Vorsteher Jacobs und der Mühlenbauer Conrad Baumann aus Laar vor dem Amt Neuenhaus mit der Bitte, die Konzession an Baumann zu übertragen, da Jacobs davon keinen Gebrauch machen wollte. Auf Veranlassung der Behörde mußte die Gemeinde darüber abstimmen, ob dem Baumann Wohnrecht in Georgsdorf eingeräumt werden sollte; die Mehrheit war dafür, falls Baumann sich verpflichtete, hier die Mühle zu errichten. Daraufhin übertrug die Landdrostei ihm am 16. April 1868 die Konzession, die ihm gestattete, »östlich von dem von Georgsdorf nach Alte- Piccardie führenden Wege auf dem Grundstück des Colonen Vügten in der Feldmark von Alt Piccardie gelegenen Bauplatze eine Windmühle mit zwei Mahlgängen zum Vermahlen von Korn gegen Lohn anzulegen«. Ob Baumann den Bau umgehend ausführte, ist den Akten nicht zu entnehmen, aber wohl anzunehmen; schon im Juni 1869 beschwerte sich der Neuenhauser Mühlenpächter Lüppe, daß ihm die Kornmühle in Georgsdorf alle Arbeit und Verdienstmöglichkeit aus jener Gegend entziehe. 1875 jedenfalls ist Conrad Baumann als Müller in Georgsdorf bezeugt, als er mit der Gemeinde Georgsdorf über den Verkauf seiner Mühle verhandelte. Es war nämlich zu Zwistigkeiten zwischen dem Müller und dem Vorsteher Jacobs gekommen, die darin begründet waren, daß letzterer 300 Gulden verlangte, die ihm angeblich für den Verzicht auf seine Konzession versprochen waren. Der Vorsteher »intrigierte« nach Meinung Baumanns gegen ihn, wußte jedenfalls mehrere Ortseinwohner zu bewegen, ihr Getreide nicht mehr auf seiner Mühle verarbeiten zu lassen und den Bau einer zweiten Mühle zu beginnen. Baumann verklagte ihn wegen »Erpressung«. Die Kronanwaltschaft ermittelte zwar. Baumann unterlag aber in dem Verfahren »mangels Beweises«. Von der Landdrostei Osnabrück erhielt er auf sein Verlangen, den Bau einer Konkurrenzmühle am Ort zu »sistiren«, Ende Juni 1875 den Bescheid, daß dies aufgrund der Gewerbefreiheit nicht möglich sei, im übrigen private Absprachen über die Nichtbenutzung seiner Mühle nicht untersagt werden könnten. Baumann befürchtete, »brodlos« zu werden und dürfte bald Konsequenzen gezogen haben. Arnold Rakers weiß aus Erzählungen älterer Ortsansässiger zu berichten, daß Müller Hermann Baumann, ein Sohn Conrads, Streit mit den Bauern bekam, die darauf seine Mühle boykottierten, so daß er sie 1879 abbrach und fortschaffen ließ. Die Aussagen über den Ort, an den sie gebracht wurde, widersprechen sich; eine Lesart weiß zu berichten, daß Baumann sie nach Hoogstede transportierte, zufolge einer anderen Überlieferung verkaufte er sie nach Scheerhorn.
3. Die jüngere Windmühle Bereits im Jahre 1875 hatten sich nach den Ermittlungen von Jan Smoor zwölf Landwirte in Georgsdorf zusammengetan, die »Möllenburen«. In einem amtlichen, für die Kronanwaltschaft Meppen bestimmten Schriftsatz vom 22. Juni jenes Jahres ist von »15 Contrahenten« des Müllers Baumann die Rede. Auf einem von Colon Kösters zur Verfügung gestellten Grundstück, dem Standort der heutigen Mühle, ließen sie eine zweite Windmühle bauen. Sie wurde mit kreisrundem Grundriß massiv aus Ziegelsteinen errichtet, die von Deppe ( in Lemke ) geholt wurden. In eine große Steinplatte über dem Eingangstor ist das Baujahr eingemeißelt: 1875. Die fertige Anlage wurde an den aus Emlichheim stammenden Müller Geert Hindrik Krage verpachtet; nach ihm ist für ein paar Jahre auch ein Pächter und Müller Brink bezeugt, der aus Veldhausen kam. Im Jahre 1903 kaufte Müllermeister Gerd Hindrik Geertzen, der vorher Müller in Bimolten gewesen war, die Mühle. Um sie vom Wind unabhängig zu machen, fügte er 1908 an der Ostseite einen Anbau an, in dem er einen Benzinmotor unterbrachte. Später half sein Sohn Gerd, den Mühlenbetrieb aufrechtzuhalten. Als Ende der zwanziger Jahre auch die Höfe in Georgsdorf an das Stromnetz angeschlossen wurden und viele Bauern eine eigene Schrotmühle anschafften, ging der Betrieb auf der Windmühle zurück. 1956 starb Müller Gerd Geertzen. Die Söhne Gerhard und Helmut ließen die Mühle noch eine Weile wöchentlich einen halben Tag laufen, bis sie 1963 endgültig geschlossen wurde. Lange Jahre war der unter Denkmalschutz gestellte konische Mühlenkörper dem Einfluß von Wind und Wetter ausgesetzt, die einst rote Farbe der Backsteine verwandelte sich in Grau, viele Steine zerbröckelten. Im Rahmen des Dorferneuerungsprogramms wurde 1983 die Restaurierung der Windmühle eingeleitet. Nachdem das schadhafte Mauerwerk ausgebessert und die Galerie angebracht, dann die mit Reet gedeckte Haube aufgesetzt und die gußeiserne Welle eingezogen war, wurde im Dezember 1985 auch das 2,5 Tonnen schwere Flügelkreuz montiert. Heute präsentiert sich die schmucke Windmühle in Georgsdorf wieder als Wahrzeichen des Ortes. Rund 350000 DM wurden in die Mühle investiert, bis sie am 1.September 1987 wieder ihrer Bestimmung übergeben werden konnte.
Wie erwähnt wurde die Mühle 1987 nach einer aufwendigen Restauration in Betrieb genommen. Zum Schutz gegen Witterungseinflüsse hat man damals eine Siliconversiegelung aufgetragen. Schon nach vier Jahren war zu sehen, daß diese Maßnahme keinen Erfolg hatte. Das Mauerwerk verfiel oberhalb der Galerie derart, daß eindringende Feuchtigkeit den Innenputz abbröckeln ließ. Zur Erhaltung der Mühle war eine weitere Sanierung unumgänglich. Eine kostengünstige Lösung mußte gefunden werden. Man entschied sich für folgende Maßnahmen: Zur Erhaltung der Stabilität wurden die Balken im Mauerwerk neu verankert und zusätzlich zwei neue Balken eingesetzt. Unterhalb der Galerie mußte das Mauerwerk ausgebessert und neu eingefugt werben. Danach erhielt die Mühle eine neue Galerie. Oberhalb der Galerie bekam sie eine Reetverkleidung. Der Erfolg dieser Baumaßnahmen machte es möglich, daß nach einem Jahr die Innenwände neu verputzt werden konnten. Der hierfür verwendete Spezialmörtel mußte in vier Schichten aufgetragen werden. Wegen ihres schlechten Zustandes wurden die Einfahrtstüren durch neue ersetzt. Nach mehrjähriger Bauzeit von 1995- 1998 mit einem Kostenaufwand von 330.000 DM, steht die Mühle heute in ihrer ganzen Schönheit den Besuchern und dem Mühlenverein wieder zur Verfügung. Zur gleichen Zeit hat die Raiffeisen- Warengenossenschaft durch ihren Neubau ein schöneres Blickfeld für die Mühle und ihr Umfeld geschaffen. Doch ebenso werden die Gegensätze von Früher und heute hier deutlich. Einerseits der Fortschritt mit Hektik und Streß und auf der anderen Seite, erinnert die Mühle mit ihrer Ausstrahlung an Zeiten, wo die Menschen noch Zeit fanden für ein „Gespräch up de Molle".
Literatur: W. Friedrich, Bald kreisen wieder die Windmühlenflügel; in: Der Grafschafter 1986, S. 1 H.Hensen, Die Windmühle in Bimolten; in: Der Grafschafter 1978, S. 45 A.Rakers, Alt- Georgsdorf - wie es sich selbst sieht; in: Bentheimer Heimatkalender 1940, S. 38-45 J. Smoor, Die Windmühle in Georgsdorf und ihre Müller; in: Jahrbuch Heimatverein Grafschaft Bentheim 1972, S. 149- 151 Archivalien: Fürstlich Bentheimsches Archiv Burgsteinfurt G 849; G 848 Staatsarchiv Osnabrück, Rep. 350 Neuhs Nr. 772; Rep. 350 Neuhs Nr. 717; Rep. 350 Neuhs Nr. 724
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