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Wer sich von Nordhorn aus in die Niedergrafschaft begibt, begegnet einer anderen Sprache, dem Plattdeutschen. Plattdeutsch bedeutet nicht etwa das Deutsch des platten Landes oder »plattes« Deutsch, also eine Mundart des Hochdeutschen, für das es oft gehalten wird. Der Begriff »platt« kommt vielmehr aus dem Niederländischen und bedeutet soviel wie »deutlich«, »klar«, »verständlich«. Und eine Spielart des Hochdeutschen kann das Platt- oder Niederdeutsch schon deshalb nicht sein, weil es wesentlich älteren Ursprungs ist. Noch heute ist die Eigenständigkeit der alten »Sachsensprache« in grammatischen Merkmalen wie z.B. dem Einheitsplural (wij, ij, se) oder in der Fülle eigener Worte erkennbar.
Im Hochdeutschen hingegen veränderten sich die Konsonanten im Lauf der Zeit dahingehend, daß »p« zu »(p)f(f)«, »t« zu »t(s)s« und »k« zu >>(c)h« verschoben wurden. Dagegen hielt das Niederdeutsch an den älteren Formen fest. So stehen z.B. den Wörtern essen, schlafen oder machen die plattdeutschen Entsprechungen »etten«, »sloapen« und »maken« gegenüber. Diese zweite oder auch hochdeutsche genannte Lautverschiebung nahm im 6. Jh. n. Chr. ihren Anfang im Alpenraum und weitete sich dann nach Norden hin aus.
Das Plattdeutsche hat seinen gleichberechtigten Platz in der Familie der westgermanischen Sprachen und ist hier dem Englischen, Niederländischen und Friesischen enger verwandt als dem Hochdeutschen. Während jene Sprachen einen gleichen germanischen Lautbestand haben, stellt das Hochdeutsche eben wegen der zweiten Lautverschiebung eine Besonderheit in dieser Familie dar.
Geschichtlich hat das Plattdeutsche als Verkehrs- und Handelssprache der Hanse - etwa zwischen 1200 und 1600 - im gesamten Nord- und Ostseeraum den Rang einer eigenen Sprache gehabt, ebenso als Amtssprache der norddeutschen Städte bis Mitte des 17. Jh. Platt wurde so von Köln bis in das norwegische Bergen, von London bis nach Edinburgh, von Königsberg bis Nowgorod geschrieben, gelesen und gesprochen. Es bewältigte alle Anforderungen öffentlicher und privater Kommunikation. Wegen der Verhochdeutschung sämtlicher öffentlicher Bereiche verlor das Niederdeutsche mit dem Aufkommen der Nationalstaaten im 16. Jh. seinen Status. Die Holländer und Engländer vergrößerten ihren Einfluß im Nord- und Ostseeraum, der Untergang der Hanse war besiegelt, Nordeuropa nicht mehr international.
Heute weist Plattdeutsch, da es ohne offizielle Bedeutung lange Zeit nur als gesprochene Sprache existierte, keine allgemeinen Standards mehr auf. Noch immer aber ist es eine Sprache ohne Grenzen. So steht auch die Mundart der Stadt Nordhorn und des überwiegenden Teils der Niedergrafschaft dem Hochholländischen näher als die Stadtmundart des niederländischen Maastricht. Allerdings gehört das Plattdeutsche nun zu den Minderheitssprachen, die durch die 1999 in Kraft getretene »Europäische Charta der Regional- und Minderheitssprachen« geschützt werden. Diese Charta soll die traditionelle Sprachenvielfalt in Europa stärken und mit neuem Leben erfüllen. In der Bundesrepublik gilt diese Konvention für die Minderheitssprachen Dänisch, Friesisch, Sorbisch und Romanes sowie für die Regionalsprache Plattdeutsch. Plattdeutsch wird von 6 bis 7 Millionen Menschen gesprochen; in der Grafschaft Bentheim und besonders in der Niedergrafschaft spricht die Mehrheit der älteren Menschen diese Sprache.
Im Laufe ihrer langen Entwicklung haben sich regionale Unterschiede geformt, die einzelnen Dialekte. Die früheren Kirchspielgrenzen bildeten vielfach auch die Mundartgrenze. So lassen sich in der Niedergrafschaft noch heute die Platt-Sprecher grob nach Hügelland und Vechtetal unterscheiden. Diese werden dann feiner differenziert, ebenfalls nach Kirchspielzugehörigkeit: die Vechteanrainer Neuenhaus und Veldhausen einschließlich des jüngeren Georgsdorf, weiter vechteabwärts Hoogstede, Emlichheim und Laar und im Hügelland Uelsen, Wilsum und Lage.
Solch regionale Ausformungen des Plattdeutschen sind Äste und Zweige desselben Sprachbaums, der in Nordhorn und der Niedergrafschaft noch immer grünt. Ein Beispiel für die Unterschiede? »Unsere« heißt im Kirchspiel Nordhorn »usse« oder »uss«, in der Niedergrafschaft aber »unse« oder »ounse«. Im Vechtetal verkleinert man das »Töpfchen« mit der Nachsilbe »ien«, also »Pöttien«, während man im Hügelland »ken« dazu verwendet: »Pöttken«. Während in der Grafschaft die Menschen »proaten« (sprechen), »prooten« sie im Kirchspiel Laar. Im Kirchspiel Wilsum ißt man zu Mittag »Tüffel« (Kartoffeln), während sie sonst überall »Eerappel« oder »Erpel« heißen. In Lage ist man »teggen« (gegen), im Rest der Grafschaft »tegen« die Sonntagsarbeit. So kann man im deutsch-niederländischen Grenzgebiet des Vechtetals erfahren: Wer platt spricht, spricht eine Sprache mehr.
Sprachverwandschaftenim deutsch-niederländischen Grenzraum Grafschaft Bentheim/Twente/Drenthe
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